Im Laufe der Berichterstattung bin ich über 2 Sätze gestolpert, die ich bis jetzt nicht vergessen habe. Der erste Satz stammt von Sozialminister Hundstorfer, der anmerkte, dass es man aufgrund des Preises eines Produkts nicht automatisch auf dessen Qualität schließen kann. Der zweite Satz stammt von Frank Hensel, dem Chef von Rewe Österreich, der der Meinung ist, dass der Konsument mittels Wikipedia und Google zum Spezialisten im Bereich der Lebensmittelkontrolle wird und mit seiner Kaufentscheidung die ultimative Macht hat.
Gerade die zweite Aussage hat mich leicht verärgert. Ich denke, dass "Einkaufen mit gutem Gewissen" noch nie so schwer war wie heutzutage.
Sehen wir uns mal den Kauf von Fleisch an. Woran kann sich der Konsument orientieren? Offensichtlich nicht am Preis, wie wir vom Sozialminister gehört haben. Der Ruf den Supermarkt-Fleisch im Internet (Forum auf derStandard.at) hat ist nicht gut (wobei auch hier nicht immer klar ist, warum). Also sollte man Fleisch nur beim Fleischhauer kaufen, aber auch hier weiß ich nichts von der Herkunft und die wenigsten schlachten heutzutage noch selbst, sie sind also selbst nur Verkäufer. Auch Qualitätssiegel sind keine Garantie dass alles in Ordnung ist (dazu unten mehr) und zu allem Überfluss ist noch nicht einmal klar was alles wichtig ist.
Wie definiert sich nämlich "Fleisch mit gutem Gewissen"? Hier nur ein paar Fragen, die sich mir stellen:
- Wurden die Tiere in Massentierhaltung gehalten? Wie waren die Bedingungen? Ging es den Tieren bis zur Schlachtung gut?
- Ist das Fleisch aus Österreich oder wurde es quer durch Europa gefahren? Wo wurde das Fleisch produziert, wo verpackt? Wie sind die Arbeitsbedingungen in diesem Land (aus hygienischer und sozialpolitischer Sicht)?
- Ist das Fleisch bio und was heißt das überhaupt?
- Was haben die Tiere zu fressen bekommen und wo kam das Futter her? Wurde das Futter gentechnisch verändert? Ist das Futter auf Kosten des Regenwalds hergestellt worden?
Bis jetzt habe ich mich nur auf das Fleisch konzentriert, möchte aber noch ein paar andere Produktgruppen anführen, bei denen ich ähnliche Probleme habe:
- Fertiggerichte verkomplizieren das ganze Problem noch. Denn um wirklich mit reinem Gewissen zu essen, müsste man jeden Bestandteil des Produkts zurückverfolgen. Da können sich hinter Bezeichnungen wie "Vollei" Eier aus Käfighaltung verbergen und wo das Fleisch herkommt hat man ja gesehen (oder eben nicht).
- Praktisch bei jedem Produkt muss man sehr viele Faktoren berücksichtigen, wie man am Beispiel Teigwaren recht gut sieht. Die Firmen Recheis und Wolf sind in fast jedem Supermarkt zu finden. Jetzt sollte man den Preis (meistens gleich), die Herkunft der Eier (bei beiden Freilandeier) und die Herkunft (beide Österreich) berücksichtigen. Wolf sticht dann noch hervor weil die Teigwaren CO2-neutral hersgestellt wurden, aber Recheis hat das intelligentere Verpackungssystem - was zählt da mehr? Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich Recheis kaufe?
- Bei Lebensmitteln hört das Ganze aber nicht auf. Bei amazon, Liedl, kik (Arbeitsbedinungen) sollte man vermeiden zu kaufen, aber wer sagt mir, dass die Mitarbeiter bei Thalia, Hofer und C&A besser behandelt werden? Bei H&M soll man nicht kaufen, weil das Gewand in Billiglohnländern hergestellt wird, aber welcher Kleidungshersteller produziert in Österreich und ist auf Dauer erschwinglich?
Der Kunde hat also keine Orientierung und ich sehe hier wieder einmal die Politik gefordert. Ich habe weder die Zeit, noch die Möglichkeit auf eine faire Herstellung ALLER Artikel zu achten, die ich tagtäglich kaufe. Die Politik hat aber die Möglichkeit Regeln aufzustellen, die mir helfen. Das beginnt bei gesetzlicher Rahmenbedienungen zur fairen Behandlung von Leiharbeitern bis hin zu totaler Transparenz und Regeln für Lebensmittel - Fleisch das dreimal durch Europa fährt, sollte es nicht geben dürfen. Ich bin bereit für sinnvoll, nachhaltig und fair hergestellte Produkte auch etwas mehr zu bezahlen.
P.S. Zum Thema Qualitätssiegel: Bei Tiefkühlfisch gibt es das Siegel des blauen Fisches von MSC, das für nachhaltige Fischerei steht. Bis vor kurzem habe ich das Siegel als Entscheidungskriterium herangezogen, wenn ich Fisch gekauft habe, aber vor ein paar Wochen habe ich die offizielle Greenpeace-Liste gesehen, in der die Fische aufgeführt sind, die man mit reinem Gewissen kaufen kann und dabei erfahren, dass das MSC-Siegel zwar nachhaltige Fischfang kennzeichnet, das heißt aber keineswegs, dass z.B. Schleppnetze verboten wären, die große Schäden am Meeresboden anrichten, also ist auch das Siegel kein Zeichen für lupenreine Produkte. Weiß jemand auswenig wofür das AMA-Gütesiegel steht? Ich musste nachsehen und viele der Fragen, die ich mir oben gestellt habe werden durch das AMA-Gütesiegel nicht beantwortet.
Quellen:
Interview mit Frank Hensel
MSC
AMA Gütesiegel


