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Donnerstag, 10. Februar 2011

Hochprozentiges

Anhand eines ORF-Artikels ein paar kleine Zahlenspielereien zum Thema Umfragen. Einen Satz des Artikels möchte ich ganz an den Anfang stellen:

Für die Studie wurden 1.000 Personen telefonisch befragt.
Der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass in jedem Bundesland 112 Personen befragt wurde, die Personen also nicht nach der Bevölkerungsverteilung der Bundesländer ausgeteilt wurden.
In Wien gibt es so viele Singles wie nirgendwo sonst in Österreich. Mit 33 Prozent beziehungsweise 399.000 alleinstehenden Frauen und Männern liegt Wien an der Spitze, geht aus einer IFES-Umfrage hervor.
33 Prozent von 112 sind 37 Personen. Von diesen 37 Personen wird auf 399.000 Personen geschlossen.
Nach Wien gibt es in Niederösterreich (32 Prozent Singles) die wenigsten Paare. Ein eklatanter Unterschied zu Oberösterreich, wo bis auf elf Prozent (102.000) alle 18- bis 69-Jährigen im Dezember eine Beziehung hatten.
In Oberösterreich gab es also nur 12 Singles, also ganze 25 weniger als in Wien. Das muss natürlich für das ganze Bundesland gelten. Außerdem können wir hier leicht von 12 auf 102.000 Personen schließen.

Österreichweit ist jeder Vierte Single, und mehr als die Hälfte verbringen das Leben schon mehr als drei Jahre ohne Partner.
Jeder vierte ist nicht in einer Beziehung (250 der Befragten) und die Hälfte davon (125) sind "Langzeitsingles". Von diesen ist es ein Katzensprung auf eine Million für ganz Österreich.

Bei fast einem Viertel der Männer sowie rund einem Drittel der Niederösterreicher und Steirer spielt auch Schüchternheit eine Rolle.
250 Singles bedeutet 125 alleinstehende Männer, ein Viertel davon sind 31 schüchterne Männer.
Eine ähnliche Zahl (37) kommt für die schüchternen Niederösterreicher und Steirer raus (wenn damit in diesem Zusammenhang Männer und Frauen gemeint sind, ansonsten muss man den Wert noch einmal halbieren).

So geht es den restlichen Artikel munter weiter. Die Aussage von "Österreich", wonach dies eine repräsentative Umfrage sei, hat man sich beim ORF glücklicherweise gespart.

Mir ist schon klar, dass man für eine Umfrage unmöglich die gesamte Bevölkerung fragen kann, aber von 1000 auf über 8 Millionen zu schließen (0,012%), ist einfach nur grober Unfug und in keinster Weise informativ. Die IFES hat die Umfrage übrigens für das Singleportal Parhsip.at durchgeführt. Für mich stellt sich da die Frage, ob man durch die "repräsentative" Auswahl nicht einfach ein für den Auftraggeber erfreuliches Ergebnis (viele Singles) erzeugen wollte.

Link zum ORF-Artikel: http://wien.orf.at/stories/493814/
Link zur IFES-Umfrage: http://www.ifes.at/index.php?aNUM=1&newsId=194

Wie österreichische Innenpolitik funktioniert

1) Ein österreichischer Politiker, dem die Medien zuhören zieht ein Thema ins Rampenlicht, von dem er glaubt, dass es bei den Wählern gut ankommt. Verstärkt ist dieses Verhalten in Wahlkampfzeiten, Vorwahlkampfzeiten und Zwischenwahlkampfzeiten zu finden. Beliebte Themen sind Bildung, Sicherheit und Gesundheit.

2) Die Medien greifen das Thema auf und lassen es somit an Bedeutung gewinnen.

3) Sobald das Thema lange genug in den Medien war, sieht sich der zuständige Minister genötigt, Vorschläge auszuarbeiten. Das dauert einige Wochen. Diese Wochen sind eine sehr wichtige Phase, weil jetzt alle Menschen, die wichtig sind (oder das glauben) ihre Vorstellungen und Positionen zu diesem Thema bekanntgeben. Zu dieser Menschengruppe gehören Landeshauptleute, Ressortsprecher, (selbsternannte) Experten, Gewerkschaften, Jugendorganisationen, Seniorenorganisationen und je nach Lust und Laune Parteichefs oder andere Minister. Wichtig in dieser Phase ist auch das frühe Einmauern des Koalitionspartners. Ehe also ein Konzept steht, muss schon kommuniziert werden, dass gewisse Dinge unverrückbar sind und auf keinen Fall überhaupt nur zur Diskussion stehen dürfen.

4) Sobald das Konzept veröffentlicht wurde, müssen alle Parteien ihre eingeprobten Rollen zum Besten geben. Die Opposition zerreißt also das Konzept in der Luft, der Koalitionspartner ist etwas milder, lässt aber seine Unzufriedenheit durchblicken. In lustigen Zeiten kann auch schon mal einer aus der eigenen Partei harsche Kritik äußern (auch hier ist eine Wahlkampfzeit ein guter Zeitpunkt zum Querschießen).

Nun können zwei Szenarien eintreffen:
5a) Der Koalitionspartner rügt den Minister und verlangt einen runden Tisch (oder einen Ausschuss oder etwas Ähnliches). Dieser tagt dann über Monate und erstellt einen Bericht, der (sobald die Medien jegliches Interesse an dem Thema verloren haben) in der Versenkung verschwindet (so ähnlich wie beim Österreich-Konvent).

5b) Es wird ein Gesetz erstellt, bei dem beide Koalitionsparteien nicht von ihren unverrückbaren Grundsätzen abrücken müssen. Dieses Gesetz ist dementsprechend ungenau, von Ausnahmen ausgehöhlt und geht meistens am eigentlichen Ziel vorbei. Obwohl die Politiker froh sind, weil sie meinen ihr Gesicht gewahrt zu haben, verärgern sie in Wirklichkeit das Wahlvolk, weil nicht Nägel mit Köpfen gemacht wurden.

Diese Phasen werden in fast alle Fragen durchlaufen, die das Land bewegen, sei es aktuell die Wehrpflichtdebatte, jede Schul- oder Gesundheitsreform bis hin zum Nichtraucherschutz.